Haushuhn

Hamburger im Silberlack, Goldsprenkel, Silbersprenkel, oben: Goldlack, von W. Hoffmann 1896

Hamburger im Silberlack, Goldsprenkel, Silbersprenkel, oben: Goldlack, von W. Hoffmann 1896

Das Huhn ist schon im zweiten Jahrtausend vor Christus in Südasien von einem Malaienstamm durch Zähmung des dort einheimischen Bankiva-Wildhuhns als Haustier gewonnen worden. Noch heute finden wir dieses Wildhuhn und auch seine anderen Arten
eingeführt. Nach Westasien gelangte es erst viel später. So hat es Layard zuerst auf einem altbabylonischen Siegelzylinder aus dem 6. bis 7. Jahrhundert vor Christus abgebildet gefunden: Ein Priester in Opferkleidung steht vor einem größeren und einem kleineren Altar. Auf dem kleineren Altar ist ein Hahn zu sehen; auf einer ebenfalls aus dieser Zeit stammenden babylonischen Gemme eine geflügelte Gottheit in betender Stellung vor einem Hahn auf einem Altar. Jedesmal erscheint der Hahn von Osten; über beiden Abbildungen schwebt ein Halbmond, wahrscheinlich als Zeichen der schwindenden Nacht.

Homer kannte das Huhn noch nicht, denn er erwähnte es nirgends in seinen Epen. Zum erstenmal spricht von diesem Tier der griechische Dichter Theognis in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts vor Christus. Erst um die Zeit der Perserkriege finden wir bei den Dichtern Epicharmos, Simonides, Äschylos und Pindar den Hahn unter dem Namen Alektor, das heißt Abwehrer, Kämpfer, als bekannten Begleiter des Menschen. Die griechischen Dichter vergleichen den Kampf der Hähne desselben Hofes mit dem Streit der Menschen. In den Eumeniden des Äschylos warnt Athene vor dem Bürgerkrieg, der dem zwecklosen Kampf zwischen zwei Hähnen gleiche. Ebenso vergleicht Pindar in seinem 12. olympischen Lied den ruhmlosen Sieg in der Vaterstadt mit demjenigen des Hahnes auf dem Hof.

Paduaner: Hahn und Henne, aus U. Aldrovandis Ornithologica, 1610

Paduaner: Hahn und Henne, aus U. Aldrovandis Ornithologica, 1610

Im alten Persien war der Hahn auch als Opfertier bekannt, das durch seine Stimme die bösen Geister vertrieb. So kam das Tier auch nach Kleinasien und zu den Griechen an den Küsten des Ägäischen Meeres, die das Huhn auch mehrfach auf Münzen abbildeten. Die Inseln Delos und Cos sowie lonien und Syrien waren als hühnerzüchtende Gebiete im Altertum berühmt, man schrieb die Erfindung der Hennenmast den Bewohnern der Insel Delos zu. Von hier und von Griechenland aus fand die Kunst der Hühnerzüchtung und -mast ihren Weg zu den Römern. Es gab auf Delos keine Villa, die nicht ihren ausgedehnten Geflügelpark besessen hätte. Eine Vielzahl bekannter griechischer und römischer Schriftsteller hat es nicht unterlassen, Angaben über Züchtung, Pflege und Mast der Haushühner zu machen. Erwähnen möchte ich z. B. Aristoteles, den älteren Cato, Varro, den älteren Plinius und Columella. Die Römer hielten das Huhn von einem göttlichen Geiste beseelt; ihm wurden sogar hellseherische Fähigkeiten nachgesagt. Eine begeisterte Beschreibung des Hahnes liefert der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte:
„Ruhmbegierig ist der Vogel, der in der Nacht für uns wacht, der vor Anbruch des Morgens den Menschen weckt und zur Arbeit ruft. Er kennt die Sterne und kräht am Tage jedesmal, wenn drei Stunden verflossen sind. Mit der Sonne geht er schlafen und ruft gegen Morgen den Menschen zu neuen Sorgen und Arbeiten wach.“
Weiterhin sagt Plinius: „Für religiöse Zwecke hält man Hähne und Hennen mit gelben Füßen und Schnäbel nicht für rein, zu geheimen Opfertieren wurden nur die Tiere mit schwarzen Füßen verwandt. Es gibt auch Zwerghühner unter den Hühnern, und zwar fruchtbare, welches bei anderen Hühnern nicht der Fall ist.“ Über das Brüten berichtet er:

Houdan: Hahn und Henne, von 1867

Houdan: Hahn und Henne, von 1867

„Es ist am besten, die zum Brüten bestimmten Eier nicht über 10 Tage alt werden zu lassen, alte oder gar zu frische sind unfruchtbar.“ (Anm.: Was übrigens bei frischen Eiern nicht zutrifft.) Man muß eine ungleiche Zahl unterlegen. Wenn man sie am vierten Tage nach Beginn des Brütens mit den Fingern an einem dunklen Ort gegen das Licht hält und sie rein und durchsichtig sind, so sind sie unfruchtbar und müssen durch andere ersetzt werden. Man kann sie auch ins Wasser legen. Die leeren Eier schwimmen, die vollen sinken. Schütteln darf man die Eier nicht; es kann sich danach kein Junges mehr entwickeln. Selbst Menschen können Eier ausbrüten. Plinius erwähnt Julia Augusta (die Tochter Kaiser Augustus‘), Frau von Kaiser Tiberius Nero. Sie wünschte sich als erstes Kind einen Sohn und brütete an ihrem Busen ein Küken aus. Mußte sie es ein

Hühnerhof, um 1660 von Jan Steen gemalt

Hühnerhof, um 1660 von Jan Steen gemalt

mal weglegen, so gab sie es ihrer Amme, damit es nicht kalt wurde. Die Beispiele des Brütens und ihre damalige Technik zeigen, daß es in der Kaiserzeit der Römer schon Brutapparate gegeben haben muß.
Bei der kampfesfrohen, streitsüchtigen Natur der Hähne ist es kein Wunder, daß schon sehr früh bei den Griechen Hahnenkämpfe als öffentliche Kampfspiele aufkamen. So hinterläßt uns Plinius: „Zu Pergamum in Kleinasien werden jährlich öffentliche Hahnenkämpfe abgehalten.“ Das er solches in seiner Naturgeschichte erwähnt, beweist, daß diese Sitte um die Mitte des 1. Jahrhunderts nach Christus bei den Römern noch nicht üblich war. Über die Gründe bei den Griechen ersehen wir bei dem Geschichtsschreiber der Griechen Älian: „Als die Athener die Perser besiegt hatten, bestimmten sie einen Tag, an welchem im Schauspielhaus öffentliche Hahnenkämpfe abgehalten werden sollten. Der Grund hierfür war aber folgender: Als Themistokles mit dem Heer auszog, sah er in der Nähe des Zuges zwei Hähne, die miteinander kämpften. Er ließ sofort das Heer haltmachen und sprach folgende Worte: Diese Hähne kämpfen nicht für ihr Vaterland, nicht für ihre Götter, für die Gräber ihrer Väter, nicht für Ruhm, für Freiheit, für ihre Kinder, sondern jeder von ihnen kämpft nur, um zu siegen.“ Diese Rede begeisterte die Soldaten, sie fochten mit kühnem Mute, und der Feldherr wünschte sich durch die Abhaltung der Hahnenkämpfe das Andenken an den Sieg zu erhalten und den Keim für neue Siege zu legen.

Cochin und Houdan von 1867

Cochin und Houdan von 1867

Nach Varro waren die Hähne von Tanagra, Medien und Chalcis zum Kampfe besonders brauchbar. Er nennt sie sehr schön, allerdings die Kämpfer weniger fruchtbar als die italienischen. Diese hielt man damals schon im rebhuhnfarbigen Farbenschlag. Varro berichtet: „Will man in einem Landhause 200 Hühner halten, so gibt man ihnen einen besonderen Stall, zäunt den Platz davor, auf dem auch Sand zum Bade liegen muß, ein und hält ihnen einen eigen Wärter. Will man Eier für die Küche aufbewahren, so reibt man sie it gepulverten Salz ein oder legt sie drei Stunden in Salzwasser, trocknet sie und bedeckt sie mit Kleie oder Spreu.“
In seinem Buch über den Landbau gibt Columella ausführliche Anleitungen über die Anlage eines Hühnerhofes, die Pflege der Hühner, das Brüten und die Aufzucht der Küken. Vieles aus diesen Anleitungen wird heute auch nicht anders gemacht. Columella rät, den Hühnerstall neben der Küche oder neben dem Backofen anzubringen, so daß der Rauch in ihn eindringen könne. Diese Bauweise war üblich in vielen Ländern Europas, bei uns noch im vorigen Jahrhundert. Der Schriftsteller hält die dunklen Hühner für empfehlenswerter als die hellen. Die weißen Haushühner sind meist weichlich, wenig lebhaft, ihre Legeleistung ist nicht so gut wie die der dunklen Hühner, sie werden auch, weil sie leicht erkennbar sind, oft von Greifvögeln erbeutet. Die Zwerghühner sind nur für den Liebhaber, der sie wegen ihrer geringen Größe schätzt. Auch ist ihre Legeleistung nicht so gut wie die der gemeinen großen Haushühner. Die Zwerghähne sind sehr leicht zänkisch gegen die großen Hähne, so daß man sich oft genötigt sieht, ihnen einen ledernen Gurt um den Leib zu legen, durch den die Füße gesteckt und so die Kampfgelüste gemindert werden. Nach dem um 200 nach Christus lebenden Schriftsteller Athenäus waren Zwerghühner besonders in Athen beliebt. Pausanius sagt, daß in Tanagra zwei Arten von Hühner gehalten werden, l. kampfstarke, 2. die Amselhühner, so genannt, weil sie wie die Amseln rabenschwarz sind und auf der Schnabelspitze kleine weiße Flecken haben. Kamm und Kammlappen seien rot wie Anemonen. Ich bin heute, fast 1700 Jahre später, der Meinung, daß wir es mit den Ahnen unserer rosenkämmigen Bantam zu tun haben.
Die schönsten Rassen unseres Haushuhnes bezogen die Römer von den Griechen, so waren besonders die Hühner von Delos, Rhodos und Melos durch ihre Größe und ihres fleißigen Legens wegen berühmt und gesucht.

Malaien aus dem Jahre 1865

Malaien aus dem Jahre 1865

Mit der römischen Invasion kamen unsere Hühner auch in die Gebiete nördlich der Alpen. So fanden sich Reste von Haushühnern mehrfach im Abfall der helvetisch-römischen Kolonie Vindonissa. Aus dem römischen pullus (Huhn) wurde das französische poule. Die Kelten und Germanen hatten schon vor der römischen Invasion das Haushuhn besessen und eine besondere Bezeichnung dafür, ganz unabhängig von der römischen. Der Hahn hieß gotisch hana, althochdeutsch hano, angelsächsisch hona, das Huhn gotisch hon. Es deutet alles darauf hin, daß das Huhn als Haustier von Südosten nach Mittel- und Nordeuropa gelangte. Hier war es etwas Heiliges, das nicht gegessen werden durfte, ausgenommen waren seine Eier. Als die Römer in Germanien einmarschierten war das Land reich an Wildbret und Geflügel durch die weiten Wälder und Sümpfe und an Fischen durch die vielen Flüsse und Seeküsten. Die Germanen trieben in bedeutendem Maße Ackerbau und Viehzucht. Wir wissen, daß unter den ackerbautreibenden Händen unserer Urväter Hafer und Gerste gerieten, daß in wärmeren Regionen, zum Beispiel am Rhein, Kirschen-und Apfelbäume gepflanzt wurden, daß auf großen Wiesen zahlreiche Herden von Rindern und Schafen grasten. Neben diesen Nutztieren werden auch Schweine, Ziegen, Gänse und Hühner erwähnt. So sagt Julius Cäsar, der um die Mitte des vorchristlichen Jahrhunderts an der Südküste Englands landete, von den dortigen keltischen Einwohnern, sie hätten zwar Haushühner, aber sie fänden es als eine Sünde, das Tier zu essen, ebenso die Gans und den Hasen.
Bei den Römern wurde der Vogel der Lichtgottheit, der dessen Kommen verkündet, bei Nacht der Nachtgöttin geopfert. Die Deutschen haben den heidnischen Brauch übernommen, das Bild des Hahnes über dem Kreuze auf Dächern und Kirchtürmen anzubringen. Der Zweck dieser Installation ist, die bösen Geister, die ja auch das Christentum nicht leugnet, sondern nur in ihrem Ursprung anders erklärt, aus dem Kreis der menschlichen Ansiedlungen fernzuhalten.

oben: Zwergkämpfer, silberhalsig, und Sebright, silber; von links: Sebright, Zwergkämpfer, silberhalsig, goldhalsig, rotgesattelt; von W. Hoffmann 1896

oben: Zwergkämpfer, silberhalsig, und Sebright, silber; von links: Sebright, Zwergkämpfer, silberhalsig, goldhalsig, rotgesattelt; von W. Hoffmann 1896

Im Mittelalter, als die Scheu vor dem Essen dieses altheiligen Tieres gewichen war, begann die Geflügelzucht in ganz Mitteleuropa ein sehr wichtiger Kulturfaktor zu werden. Dem besonders die Klöster großen Vorschub leisteten. So war es hauptsächlich ein fürsorglicher Bischof namens Martinius, der in der Legeleistung leistungsfähige Rassen aus Italien nach Deutschland und Frankreich sandte, wo sie in den Klöstern Verbreitung fanden und von da an deren Hörige und Zinsbauern abgegeben wurden. Wie wir aus den mittelalterlichen Zinsregistern der Gutsbesitzer entnehmen können, bildeten Hühner und Eier den Hauptertrag ganzer Güter und oft den einzigen Wirtschaftsbestand der ärmeren Bevölkerung. Lebende Hühner in Holzkäfigen waren der beliebteste Proviant bei Heerzügen. Auf Anordnung von Kaiser Karl dem Großen mußten auf größeren Gütern 100 Hühner und 30 Gänse gehalten werden. Auf seinen kleineren wenigstens 50 Hühner und 12 Gänse.

Fürsten, Herren und auch die Klöster mußten ihren Hörigen den Zehnten von ihren Hühnern und Eiern abgeben. So wurden in großen Mengen bei festlichen Anlässen Hühner verzehrt, zum Beispiel bei der Hochzeit Wilhelms von Rosenberg mit Anna Maria von Baden, welche vom 26. Januar bis 1. Februar 1576 gefeiert wurde, hier wurden 450 junge Hühner und 2656 gemästete Hühner und Kapaunen serviert. In Frankreich spielten das Brathuhn, das Foulet und die Poularde eine geschichtliche Rolle von dem Zeitpunkt an, als Heinrich IV. wünschte, jeder Bauer möge an Sonn- und Festtagen ein Huhn auf dem Tisch haben. Es wird berichtet, daß dem König Ludwig XIV. regelmäßig zum Essen während der Nacht ein gebratenes Huhn und eine Flasche Wein bereitgestellt werden mußte und daß er eines Abends diesen Imbiß mit dem Dichter Moliere geteilt habe. Daß Ludwig XIV. ein großer Poulardenliebling gewesen sein und daß Napoleon I. bei seinen Feldzügen stets ein Poulet in der Satteltasche mitgeführt haben soll, ist bekannt. Von welchen Rassen die erwähnten Poulets und Poularden für die höchsten Herrschaften genommen wurden, darüber schweigt die Geschichte. Sie berichtet, daß bis zur Zeit Ludwigs XIV. die Rasse von Le Mans die bevorzugte gewesen sei, von dieser Zeit an aber die La Fleche dieser Rasse eine große Konkurrenz gemacht habe, später habe diese Rivalität durch das Auftreten der Bresse-Rasse nicht geringe Einbuße erlitten. Fassen wir in der heutigen Zeit nun den Sinn und Zweck in den Anfangsjahren der Domestizierung zusammen. Wir müssen

annehmen, daß der Hahn zunächst nicht aus Nutzungs-, sondern aus Sportgründen gezähmt wurde. Die Eier, das wesentliche Produkt unseres heutigen Huhnes, erreichten erst im weiteren Verlauf der Zucht eine so große Zahl, daß sie dem Menschen zugute kamen. Für den Ausgangspunkt der Zucht müssen wir nach einem anderen Grunde suchen. Wurde unser Huhn auf indobaktrischem Boden als Uhr ein Haustier? Oder auf malaiischen Boden als Kampfhuhn erzogen? Eine dieser beiden Möglichkeiten ist für mich der Ursprung der Hühnerzucht. Möglicherweise ist aber das Kampfhuhn bei den Malaien das ältere und ursprünglichere gewesen. So sollten wir unbedingt annehmen, daß der Kampfhahn die ältere Zuchtform ist und daß der Hahn als Wecker erst später, und zwar besonders bei den Iranern, Bedeutung gewann. Ebenso fremdartig wie der Hahn als Kampfhahn in Deutschland mutet den Menschen des 20. Jahrhunderts der Hahn als Uhr an. Wir können uns kaum vorstellen, daß es Menschen geben kann, die nie wissen, was die Stunde geschlagen hat. Aber wir müssen auch ohne Neid erkennen, daß dem Glücklichen keine Stunde schlägt!