Haustaube

Noah sendet eine Taube, Mosaik San Marco/ Venedig, 13. Jh.

Noah sendet eine Taube, Mosaik San Marco/ Venedig, 13. Jh.

Die Domestikation unserer Haustauben verliert sich im Nebelgrau entschwundener Jahrhunderte oder noch besser Jahrtausende. Doch scheint der Anschluß der Tauben an die Häuslichkeit des Menschen nicht in primitive Verhältnisse zurückzureichen, sondern sie muß in einem Zeitalter stattgefunden haben, als sich der Mensch schon feste Gebäude errichten konnte wie Stadtmauern, Kirchen, Türme, Pagoden, Felsen und Tempel. Laubhütten und Höhlen zu niedriger Erde hat die Stammform unserer Haustaube, die Felsentaube, immer gemieden. Seit Urzeiten schätzen die Menschen die heimischen Wildtauben als Wildbret.

Die Felsentaube (Columba livia) ist die Stammform sämtlicher Haustauben. Außer der Felsentaube kannten die alten Griechen Wildtauben, Hohltauben, Ringel- und Turteltauben. Die spätere Haustaube nannten sie peristera, das Taubenhaus nannten sie peristereon, wie uns der gelehrte Varro berichtet. Dieser Name der Haustaube begegnet uns erst in der späteren attischen Sprache; die Drier indessen fuhren fort, peleias zu sagen. Wie kamen nun die Griechen zu diesem Haustier, das erst gegen Ende des 5. vorschristlichen Jahrhunderts in Athen eine alltägliche Erscheinung wurde?
Die wilde Felsentaube ist in Westasien in Verbindung mit dem Kult um eine Liebesgöttin allmählich in die Obhut des Menschen geraten. Sie entwickelte sich somit zum Haustier. Die Felsentaube bewohnte in der alten Zeit und verschiedentlich auch noch heute die Felsenküsten der Mittelmeerländer und ganz Westasien, von Kleinasien und Syrien bis Indien und China, sie geht tief nach Afrika hinein und reicht östlich bis zu den Kapverdischen Inseln im Süden und Schottland im Norden. Auf diesem sehr großen Gebiet hat sie als Ausdruck ihrer Anpassungsfähigkeit eine große Zahl von Lokalformen gebildet, wodurch sich die Spaltung in zahlreiche Rassen nach ihrer Domestikation begreifen läßt. Überall in ihrem Verbreitungsgebiet ist sie Standvogel und nistet stets nur in dunklen Felslöchern, niemals aber auf Bäumen und Sträuchern wie die anderen Taubenarten der Wildbahn.

Da es zahlreiche Rassen der Haustaube gibt, die im einzelnen sehr starke Abweichungen in der äußeren Erscheinung erkennen lassen, waren Züchter früher der Meinung, daß es mehrere wilde Stammarten geben müßte. Die umfassenden Untersuchungen von Charles Darwin haben diese Frage endgültig gelöst und festgestellt, daß sie alle von der Felsentaube abstammen, die schon in der Wildbahn so veränderlich ist, daß man on ihr geographisch mehrere Unterrassen unterscheidet. Parallel zu dieser Entwicklung müssen wir uns die Domestizierung des Haushuhnes vorstellen, denn das Bankivahuhn fällt in seinem riesigen Verbreitungsgebiet ebenfalls in verschiedene Unterarten.

oben: Pfautauben, Perückentaube, Schildtaube; unten: Perückentauben, Pfautauben, Schildtaube, Perückentauben, nach Hoffmann 1896

oben: Pfautauben, Perückentaube, Schildtaube; unten: Perückentauben, Pfautauben, Schildtaube, Perückentauben, nach Hoffmann 1896

Es ist anzunehmen, daß irgendwo in Westasien die wilde Felsentaube vor allem in gewissen albinotischen Individuen als heiliges Tier der großen Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit unverletzlich erklärt und dann sogar in menschliche Pflege genommen worden ist. Bis sie sich schließlich an ihre Beschützer gewöhnte und zum Haustier wurde. Und was zunächst nur einigen auserwählten Individuen zuteil wurde, das erstreckte sich später auf die gesamte Art, so daß die Felsentaube überhaupt als ein unverletzliches, heiliges Tier galt. So war seit den ältesten geschichtlichen Zeiten die Felsentaube der großen Göttermutter und Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, Astarte, heilig und wurde überall in Vorderasien bei ihren Tempeln in größeren Scharen gehegt. Auch mag da und dort ein Taubenpärchen in den Höhlen, die als älteste Kultorte dienten, später auch an dunklen Orten der Steintempel genistet nd sich so an den Umgang mit dem Menschen gewöhnt haben. Diese Tatsache gab vielleicht dem betreffenden

Kultort ein besonderes Ansehen, so daß daraufhin Priester die Tauben an diesen Plätzen ansiedelten, wodurch die Zähmung beschleunigt wurde.

Carrier von Lydon, 1897

Carrier von Lydon, 1897

Die älteste Erscheinung der Haustaube stammt, wie schon Darwin feststellte, aus der Zeit der 5. ägyptischen Dynastie (2750-2625 v. Chr.) zur Zeit des alten Reiches. Damals wurde sie schon auf manchen Gehöften in Scharen gehalten und vom Menschen gefüttert. Im Alten Testament wird sie zur Zeit des Erils (586-536 v. Chr.) Jesajas 60, 8 erwähnt. Nach Ohnefalsch-Richter hat man auch, besonders auf Zypern, im letzten vorchristlichen Jahrtausend interessante Abbildungen kleiner Tempel und Kapellen ausgegraben, die wie die heutigen Bauernwohnhäuser in Syrien und Ägypten als Taubenschläge eingerichtet sind. All das beweist das hohe Alter der Taubenzucht in der Ostecke des Mittelmeeres. Von dort gelangte die Haustaube vor dem 5. Jahrhundert v. Chr. zu den Griechen. Nach Italien kam die Taube dann durch die Reisen der süditalischen Griechen, nachdem diese wohl durch den auf die Phönizier zurückgehenden Tempel von Eryr auf Sizilien zuerst Bekanntschaft mit dem heiligen Vogel gemacht haben. Der gelehrte Römer Varro unterscheidet in seinen Aufzeichnungen zwischen der Feldtaube, dem halbwilden Abkömmlung der Felsentaube, und der zahmen Haustaube und beschreibt Taubenhäuser, in denen bis 5000 Tiere gehalten wurden. Man pflegte zwei Arten von Tauben zu halten: die Feldtaube, auch Felsentaube genannt. Sie ist scheu, wohnt in den Türmen und anderen hohen Teilen des Landhauses und fliegt von da nach Belieben aufs Feld, um sich ihr Futter selbst zu suchen; Haustauben, die zutraulich sind und sich mit dem im Haus gereichten Futter begnügen. Diese sind meist weiß, im Gegensatz zu Feldtauben. Beide Arten paaren sich auch untereinander.

Taube aus Dodona, 7. Jh. vor Chr., Bronze (Staatliche Kunstsammlungen Kassel)

Taube aus Dodona, 7. Jh. vor Chr., Bronze (Staatliche Kunstsammlungen Kassel)

Das Taubenhaus hat eine gewölbte Decke, eine enge Tür und mit Netzwerk überzogene Fenster, durch die Licht einfällt, durch die allerdings keine Schlangen und anderes Ungeziefer eindringen können. Die Innenwände macht man glatt, ebenso die Außenwände, damit weder Mäuse noch Eidechsen hinein können; denn die Tauben sind sehr scheu in ihrem Wesen. Für jedes Paar wird eine besondere Zelle hergestellt. Es muß reines Wasser ins Taubenhaus fließen, das zum Trinken und Baden dient. Der Taubenmist ist von großem Wert für die Landwirtschaft.
Sehr ausführlich schildert der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte die Haustaube und deren Lebensgewohnheiten. Am Ende seiner Ausführungen sagt er: „Sie erbauen ihnen Türme auf ihren Dächern und wissen von allen Tieren ihre Abstammung und wie edel ihre Herkunft ist. Es gibt viele, die vor lauter Taubenliebhaberei verrückt sind.“ Schon vor dem pompejanischen Bürgerkrieg (49 und 48 v. Chr.) verkaufte der römische Ritter Lucius Arius einzelne Paare, wie Varro erzählt, für 400 Denare. In Indien und China hat sich ohne den Einfluß Europas schon in der alten Zeit eine große Taubenliebhaberei entwickelt. Sie führte sehr früh zur Züchtung verschiedener Kulturrassen. So wird vom mächtigen Eroberer des mohammedanischen Glaubens, dem Großmogul Akbar dem Großen, der von 1556 bis 1605 regierte, berichtet, daß er sich persönlich mit der Taubenzucht befaßte und an seinem Hofe über 20 000 Tauben hielt. Um seine Arten zu vermehren, ließ er sich von den Herrschern im Iran und Turan seltene Rassen senden. So besaß er schließlich bereits 17 verschiedene Taubenrassen. Auch die Chinesen waren in der alten Zeit große Taubenfreunde. Sie schützten ihre Taubenschwärme durch das Anbringen kleiner Pfeifen aus Bambus, die dann beim Fliegen durch pfeifende Töne die Greifvögel von ihnen abhalten sollten. Dieses ist auch bei den Japanern so üblich, die außer diesem Haustier auch Groß- und Zwerghühner von den Chinesen übernahmen.

Perückentaube, um 1890

Perückentaube, um 1890

Schon im Altertum entstanden die Stammformen der meisten heutigen Taubenrassen in den arabischen Ländern, um dann nach dem Abendland (Europa) verbreitet zu werden. So war schon im Mittelalter die Zahl der in Europa bekannten Taubenrassen beträchtlich. Man züchtete damals bereits in den Niederlanden eigene Rassen, zu denen durch die Einfuhren aus dem Orient immer neue hinzukamen. Von den Niederlanden, die im 15. Jahrhundert das kultivierteste Land Mitteleuropas waren, verbreitete sich die Taubenzucht im 16. Jahrhundert über Deutschland, England, Frankreich und den Nachbarländern. Schon vor dem Jahre 1600 waren die Hauptrassen unserer Haustaube vorhanden, seitdem gingen einzelne Rassen wieder verloren, während andere eine Umwandlung erfuhren. Im Mittelalter war es der Bischof Albertus Magnus, der die Schriften des Aristoteles erklärte. Er starb 1280 in Köln. Später folgte der gelehrte Schweizer Konrad Gesner , der am 13. Dezember 1565 starb. In seiner Ornithologie führte der Italiener Ulysses Aldrovandi, Professor zu Bologna, 1570 die in Europa gezüchteten Taubenrassen auf, er berichtet ganz besonders über die Klatschtaube (Ringschläger), aber auch über alle Taubenrassen, die damals immer noch hauptsächlich in den Niederlanden gezüchtet wurden. Es gab dort schon besondere Vereine für Taubenzüchter. Auch der deutsche Forstrat Dr. Mathias Bechstein aus Thüringen, gestorben im Jahre 1822, hat viel und eingehend über Tauben geschrieben. Einer der bekanntesten und kenntnisreichsten Taubenhalter und Züchter war der im Jahre 1870 am 2. März gestorbene Handelsdirektor Fr. Fürer in Stuttgart, der bedeutende Beiträge in Fachzeitschriften und besonders in der Hühner- und Taubenzeitung der Gebrüder Korth, Berlin 1857 und 1858, veröffentlichte. Weniger bekannt bei uns ist das Taubenbuch des Engländers John Moore, welches 1735 und 1765 erschien und eine Beschreibung der Rassemerkmale enthält.

Taube als eucharistisches Gefäß für Hostien (aus: H. Dittmar, Symbol der Sehnsucht aller - die Friedenstaube, 1959, S. 74)

Taube als eucharistisches Gefäß für Hostien (aus: H. Dittmar, Symbol der Sehnsucht aller – die Friedenstaube, 1959, S. 74)

Im Mittelalter waren es die Klöster, wo neben gewöhnlichen Nutztauben auch Farbentauben gezüchtet und verbreitet wurden. Durch den Handelsverkehr mit dem Orient kamen auch zunehmend griechische, arabische, persische und ägyptische Taubenrassen in unseren Erdteil. Über die im Altertum gezüchteten Rassen haben uns die Berichterstatter jener Zeit größtenteils im unklaren gelassen. Wir müssen heute annehmen, daß es in groben Umrissen dieselben waren, deren Nachkömmlinge wir noch heute besitzen. Im allgemeinen haben im Bereich der Taubenzucht Niederländer, Engländer, Skandinavier und Deutsche die außereuropäischen Länder überholt. Noch vor dem offiziellen Zusammenschluß der Rassegeflügelzüchter durch Robert Oettel in Görlitz hatten sich in Deutschland im Jahre 1845 Taubenzüchter im Erzgebirge in dem Städtchen Buchholz zusammengefunden, um einen Taubenverein zu gründen.

Almondtümmler, gemalt Ludlow, London 1879

Almondtümmler, gemalt Ludlow, London 1879

Der Behörde in der damaligen Zeit, der das Statut der Gründung vorgelegt wurde, entschied, daß diese Vereinigung der Taubenzüchter Taubeninnung heißen müsse. Es gab, wie bei den damaligen Handwerkerinnungen, eine Innungslade, die bei der jährlichen Neuwahl des Vorstandes von den beiden jüngsten Mitgliedern durch die Stadt getragen wurde. Die übrigen Mitglieder zogen dann mit Musik hinterher, man nannte in der damaligen Zeit diese Zeremonie den Fortzug zum neuen Vorstand. Im Jahre 1885 wurde mit dieser Tradition gebrochen und außerdem die Taubeninnung in Geflügelzüchterverein umbenannt. Die Taubeninnung veranstaltete 1848 ihre erste Ausstellung. Zu dieser Zeit, vier Jahre vor der Gründung des hühnerologischen Vereins in Görlitz, zählte die Taubeninnung schon über 100 Mitglieder, die aus den Ortschaften der Umgebung von Annaberg, Buchholz kamen.