Wegbereiter der Zucht in Westfalen

Wilhelm Meyer kam am 1. Oktober 1819 in Drohne bei Dielingen (Kreis Lübbecke) zur Welt. Er war der älteste Sohn des Lehrers Meyer, der auch ein begeisterter Hühner- und Taubenzüchter war. Zusammen mit Lehrer Bockelmann in Meyerhöfen und Zollerheber Wirz hatte sein Vater großen Anteil an der Herauszüchtung des alten Westfälischen Landhuhnes, den Lakenfelder, um das Jahr 1830. Nach einer sorglos verlebten Jugend, bei der auch Vögel und Tauben eine Rolle spielten, kam Wilhelm Meyer bereits 1836 zum Militär, trat in Potsdam bei der Schulabteilung, 1839 beim 1. Garderegiment ein und wurde 1844 in die Hofhaltung Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Karl von Preußen angestellt.
Während der zahlreichen weiten Reisen mit den königlichen Hoheiten kam er in die entferntesten Gegenden und Länder. Dort lernte er die heimische gefiederte Welt kennen und brachte von seinen Reisen fremde Taubenrassen mit nach Berlin. Auf diese Weise erlangte die Taubensammlung der Prinzessin Karl von Preußen einen Weltruf. Aber auch Hühner der verschiedenen Rassen gehörten zu dem Geflügelbestand der Prinzessin.

Haushofmeister Wilhelm Meyer

Haushofmeister Wilhelm Meyer

Niemand aber legte so viel Wert auf Vervollkommnung und Vervollständigung der wertvollen Sammlung wie der von Kanarien-, Tauben- und Hühnerzucht nahezu besessene Haushofmeister Wilhelm Meyer aus dem Kreis Lübbecke in Westfalen.
Aus seinen Erinnerungen des Jahres 1898 hinterläßt uns Meyer: „Als ich 1829 zehn Jahre alt war, übergab mir mein Vater, ein großer Taubenliebhaber, seine Tauben, da er meine Neigung zu den gefiederten Tieren erkannt hatte. Ich übernahm von ihm verschiedene Feldtauben, besonders Weißschwänze, Perücken und Mövchen. Die Mövchen waren etwas kleiner als die heutigen, auch war der Schnabel etwas kürzer. Die Perückentauben waren kleiner als die heutigen und hatten einen kürzeren Schnabel, die meisten besaßen aber ein dunkles und ein helles Perlauge. Die Perücke war ebenso groß wie die heutige, doch die Haube lag auf dem Kopf nicht so fest auf. Die jetzigen sind also in der Perücke schöner als früher, nur sind sie jetzt bedeutend größer, was ich nicht unbedingt als Schönheit ansehen kann. Alle Perücken waren gemöncht, außer blauen in allen Farben, die einfarbigen habe ich erst später kennengelernt. Ebenso hatte mein Vater nur geschilderte Mövchen, einfarbige und geschwänzte lernte ich erst später kennen. Als ich älter wurde, schaffte ich mir auch Kröpfer von August Oertmann aus Bielefeld an. Er war wohl der beste Züchter in Westfalen in der damaligen Zeit. Die Kröpfer waren alle sehr groß, glattfüßig, mit kurzen Beinen und sehr großem Kröpf, die meisten aber mit spitzer Kappe. Mit diesen Tauben züchtete ich weiter und zog viele Junge, alle flogen ins Feld, nur nicht die Kröpfer.
1836 trat ich in Potsdam bei der Schulabteilung ein und mußte meine Lieblinge zu Hause lassen, wo sie nun sehr vernachlässigt wurden. 1839 zum 1. Garderegiment versetzt und bald darauf Unteroffizier geworden, nahm ich bei der Rückkehr von einem Urlaub aus meinem elterlichen Hause ein Paar Kröpfer, ein Paar Perücken und ein Paar Mövchen mit, die ich während der Reise in einem Korb an den Tornister hing. Nach einer sechstägigen Fußtour erreichte ich Potsdam. Da wir bei den Bürgern einquartiert waren und Tauben halten konnten, wurde bei der Ankunft in Potsdam sofort ein Taubenschlag gebaut und mit den drei Paaren gezüchtet. Jetzt sah ich mich nach den verschiedenen Taubenliebhabern um und lernte den Hoffourier von König Friedrich Wilhelm III. kennen, bei dem ich die ersten Berliner kurzschnäbligen Tauben sah. Von diesem Tag an hatten alle Tauben mit langen Schnäbeln keinen Wert mehr für mich. Leider gab er aber keine Tiere ab. Im Jahre 1837 fand ich in Berlin vor dem Frankfurter Tor bei einem Gärtner Görlitz sehr schöne Altstämmer. Er zeigte mir auch einen schwarzbunten Täuber, den er von einem Müller Maes gegen eine Kuh eingetauscht hatte. 1842 ließ ich mir aus Königsberg ein Paar Mohrenköpfe kommen. Zahnarzt Glaubitz half mir hierbei. Nach sechs Tagen kamen die Tiere ganz verhungert und verdurstet in Potsdam an. Sie erholten sich aber wieder.
Sie waren bedeutend schöner wie jetzt, den Altstämmern ähnlich. 1861 fand ich keine solchen schönen Tiere mehr in Königsberg. Aus meiner Heimat hörte ich, daß man in Herford und Bielefeld nun Geflügelzuchtvereine gegründet hatte.

Lockentaube, rotschimmel, von 1891

Lockentaube, rotschimmel, von 1891

In Potsdam hatte man damals hauptsächlich helle Blaubunte zum Jagen, Perückentauben, Mövchen, Pfautauben (Tiger), aber nicht so schön wie jetzt, und sehr schöne schwarze Elstertauben mit langen Federfüßen, die jetzt verschwunden sind, alle waren hochgeflügelt.
1844 siedelte ich nach Berlin über, nahm meinen Taubenbestand, der schon bedeutend war, mit, ich fing sofort an, den Bestand zu vergrößern. Bald hörte ich, daß jeden Mittwoch auf dem Gendarmenmarkte, ebenso aber auch jeden Sonnabend auf dem Dönhoffsplatze Taubenhändler säßen. Diese beiden Markttage wurden selten versäumt, da lernten sich die Liebhaber bald kennen. In den vierziger Jahren hatte man in Berlin in erster Linie Blaubunte zum Fliegen und helle Blaubunte, die wegen zu hoher Preise beim Jagen sehr geschont wurden.
Weißschwänze in allen Farben spielten eine große Rolle, auch Kupfertiger, Eulige, Gelb- und Rotstreifige waren bei den Flugtauben stark vertreten. Als Hoftauben wurden, als die edelsten, viele Altstämme besonders von den Gärtnern gehalten, ferner waren zitterhalsige Eulige, zitterhälsige Gelb- und Rotstreifige damals die hervorragendsten. Perücken in allen möglichen Farben, gemönchte und reinweiße, aber gegen heute sehr schwach, dasselbe galt von den Pfautauben, Mövchen waren auch nur schwach vertreten, aber durchweg kleiner und mit kürzerem Schnabel wie das jetzige Deutsche Mövchen. Eine Rasse, die in Potsdam auch vorkam, nämlich der Monteneur, eine an Kröpfer erinnernde Rasse, ohne Kröpf, ist ganz ausgestorben. Kröpfer kamen wenig vor, waren auch schlecht, irgend eine Zuchtrichtung war bei ihnen nicht zu erkennen.

Während einer Reise von Berlin nach Aachen im Jahr 1852 sah ich schwarze, rote und gelbe Schildmövchen, Aachener Kröpfer, weiße englische Kröpfer, wie ich früher keine gesehen habe, auch Ballonkröpfer waren mir bisher ganz neu. Bei der Abreise von Aachen nahm ich 42 Tiere nach Berlin mit ins Palais der Frau Prinzessin Karl. Erst wurde dort ein Taubenboden gebaut und dann auch mein Taubenbestand dazu gebracht. Der Boden gleich mit 80 Tieren besetzt, die Tauben gehörten der Frau Prinzeß, ich besorgte das weitere.
Ein Jahr später kam ich dienstlich nach Altenburg, dort sah ich in allen Farben Pfautauben, geschilderte und weiße mit schwarzem, rotem, gelbem und blauem Schwanz, ich sah auch Altenburger Trommeltauben und Perückentauben mit einer Rose auf der Nase, von allen Rassen wurde ein Paar mitgenommen und so im Palais ein zweiter größerer Boden gebaut. Später fand ich in Altenburg schwarze, blaue, rote und gelbe Pfautauben mit schwarzem Schwanz, wie wir sie heute kaum vorfinden.
Auf einer Reise nach Spanien im Jahre 1861 kaufte ich in Marseille auf einem im Hafen liegenden Schiff fünf ägyptische Mövchen, diese Tiere wurden in der Heimat mit großer Freude aufgenommen, so daß ich später mehrmals Hunderte mir schicken ließ. Es wurde ein dritter Taubenboden gebaut. Nur wenige Zeit später fand ich in Paris gelbe chinesische Mövchen und Almonds.
Auch Fechtmeister Frosche in Dresden führte inzwischen weiße, blaue und schwarze Chinesen von Destrivaux in Paris ein. Zur selben Zeit kamen auch viele Züchter aus Warschau und kauften von dem Berliner Züchter Petzold alle Altstämmer Jungtiere. Inzwischen hatten einige von uns Liebhabern jeden Sonnabend in einem Lokal am Dönhoffsplatz eine Zusammenkunft, bis schließlich kurz darauf im Jahre 1864 ein Verein entstand. Die Liebhaberei entwickelte sich immer mehr, kam aber nach außen nicht recht vorwärts. Nun kam ich auf den Gedanken, die Prinzessin Karl zu bewegen, die Schirmherrschaft über den Verein anzunehmen. Mit Begeisterung nahm sie dieses Ehrenamt an, seitdem bekam die Geflügelzucht eine ganz andere Bedeutung, vor allem dachten die Frauen jetzt anders über dieses Hobby.
Zu jener Zeit fand die erste Ausstellung in Köln statt, zu der ich als Preisrichter eingeladen war. Dort fand ich englische und die ersten französischen Kröpfer und kaufte von den französischen je ein Paar gelbgeherzte, rotgeherzte, schwarzgeherzte und blaugeherzte, von den englischen Kröpfern brachte ich ein Paar mit.

Anzeige aus der Berliner Geflügel-Zeitung von 1898

Anzeige aus der Berliner Geflügel-Zeitung von 1898

Die englischen Tauben hatten noch eine Figur, die der der Römertauben ähnlich war, dick, plump, mit langen Flügeln und kurzen stark befiederten Beinen. Die heutigen englischen Kröpfer haben absolut keine Ähnlichkeit mit denen, die früher als englische Kröpfer bezeichnet wurden. Die von mir nach Berlin gebrachten schlanken französischen Kröpfer fanden so viel Beifall, daß ich innerhalb von drei Jahren für 5000 Taler von Donny Sapin aus Brüssel Tiere kaufte. Ich hatte den großen Vorteil, mir von jeder Sendung die besten Paare für die Frau Prinzessin auszusuchen. Der Rest der Sendung wurde zum Einkaufspreis an Berliner Züchter weitergegeben. Damals hatte ich 400 bis 500 Tauben auf meinen Böden, so daß ich gezwungen war, zwei weitere Taubenschläge zu bauen.“
Nach der Auflösung des Hofhaltes der im Januar 1883 gestorbenen Prinzessin zog der große Taubenliebhaber Wilhelm Meyer auf sein Grundstück in Klein Glienicke bei Potsdam. In Glienicke wurden hauptsächlich englische Kröpfer, Perücken und die kurzschnäbeligen Berliner Rassen gezüchtet, in seinen Hühnerställen bergische Kräher und Houdans. „Man kehrt immer wieder zu seiner alten Liebe zurück“, sagte einmal Wilhelm Meyer über die Altstämmer, die er sich zuerst im Jahre 1837 anschaffte und die ihn sein ganzes Leben begleitet haben.
Wilhelm Meyer, der als Westfale auszog, um die Welt der Tauben zu erkunden, verdanken die deutschen Züchter viel. Seine Aufzeichnungen geben uns Einblicke in die Rassen und ihre gezüchteten Farbenschläge in der damaligen Zeit.

Bereits kurz nach der Vereinsgründung führt der Verein für Geflügelzucht und Tierschutz zu Bielefeld regelmäßig in den Räumen des Johannisberges in Bielefeld seine großen allgemeinen Geflügelausstellungen durch. Als Preisrichter waren in der damaligen Zeit große Persönlichkeiten der Rassegeflügelzüchter verpflichtet: Robert Oettel aus Görlitz; Hugo du Roi, Braunschweig; Rudolf Kramer und Robert Kretschmer, Leipzig; Gressard, Hilden; Ronnenberg, Wernigerode; Voss, Hannover; Mügge, Hannover; Dreves, Braunschweig, und die Bielefelder Preisrichter C. Peters und Alfred Kaeller (Westfälische Zeitung).
Für Hühner und Großgeflügel wurden auf diesen Schauen der erste Preis mit 15 Mark, der zweite Preis mit 10 Mark und der dritte Preis mit 5 Mark prämiiert. Taubenzüchter erhielten für den ersten Preis 9 Mark, für den zweiten Preis 6 Mark und für den dritten Preis 3 Mark. Der Berichterstatter aus der damaligen Zeit beschreibt die Rassegeflügelzucht und die ausgestellten Tiere in Bielefeld wie folgt: Es ist ein eigen Ding mit unseren Haustieren. Wie und unter welchen Bedingungen ihre Zähmung stattfand. Sie fällt in die vorgeschichtliche Zeit.

Wyandotten, Hahn und Henne, silber, erster Farbenschlag dieser Rasse, um 1890

Wyandotten, Hahn und Henne, silber, erster Farbenschlag dieser Rasse, um 1890

Unser Huhn z. B. gilt seit Beginn der Geschichte als treuer Wegbegleiter des Menschen. Es bewohnt mit ihm alle Länder, von den eisigen Fluren Islands bis zu den tropischen Gefilden Afrikas und Asiens. Wo der Mensch ist, da ist auch das Huhn, das einen großen kosmopolitischen Charakter angenommen hat und nach Gestalt, Befiederung, Farbe, Größe, in unterschiedlichen Rassen zu finden ist.
Stolzer und majestätischer erscheint wohl kaum ein Vogel als ein Hahn auf dem Hühnerhof, der, hoch sein gekröntes Haupt tragend, als Mormone zwischen seinen Frauen waltet. Die Hennen sind das Bild der Fruchtbarkeit und der Mutterliebe. Sie leben eigentlich nur für das Eierlegen und wandern später in den Topf.
Wie rücksichtslos, wie gleichgültig werden sie dafür behandelt. Das schmutzigste Loch im ganzen Gebäude wird ihnen als Behausung zugewiesen. Ihre Nahrung besteht aus den schlechtesten Abfällen. Dabei sollen sie Eier, viele Eier liefern und schließlich noch zartes, schmackhaftes Fleisch. Verwendet man im allgemeinen nur die Hälfte der Sorgfalt auf die Hühnerzucht, die man bereits der Rinder- oder Schafzucht widmet, man würde in ökonomischer Beziehung bessere Resultate erzielen.
Ein sauberer, freundlicher Hühnerstall, gute, reichliche Nahrung machen sich bei Hühnern immer bezahlt. Es ist auch vom volkswirtschaftlichen Standpunkt durchaus nicht unwichtig, wenn die Hühnerzucht in einem Land im Aufschwung begriffen ist. Eine ordentliche Legehenne von guter Rasse liefert durchschnittlich im Jahr 165 Eier, deren Wert von l Thaler und 18 Groschen angenommen werden kann. Sie verzehrt aber vom besten Futter, nämlich gequellte Gerste, im Jahr nur für 20 Groschen. So bleibt ein Reingewinn jährlich von 28 Groschen, wobei das Fleisch der Henne noch nicht mit in Rechnung gestellt ist. Endlich beginnen aber auch bei uns auf diesem Gebiet größere Anstrengungen, und man wendet der Geflügelzucht mehr Aufmerksamkeit zu. Man ist nun zu der Ansicht gelangt, daß durch Verbreitung edler Rassen und reine Züchtung sowie auch durch Kreuzungen dieser mit deutschen Landhuhnrassen die Hebung der Geflügelzucht voranschreitet. Mehrere Vereine sind an der Hebung der Geflügelzucht beteiligt, und die von ihnen in jüngster Zeit veranstalteten Geflügelschauen haben den Beweis erbracht, daß es aufwärts geht. Es ist der junge Verein für Geflügelzucht und Tierschutz zu Bielefeld, der eine rege Tätigkeit entfaltet und in jedem Frühjahr eine Ausstellung von Geflügel aller Art veranstaltet, die jedenfalls sehr sehenswert war und schöne Rassetiere enthielt.

Silberne Medaille der Stadt Bielefeld für die Geflügelzüchter aus dem Jahre 1894; Vorderseite

Silberne Medaille der Stadt Bielefeld für die Geflügelzüchter aus dem Jahre 1894; Vorderseite

Alle wichtigen Hühnerrassen waren in Bielefeld vertreten. Aber beginnen wir mit dem alten deutschen Landhuhn, welches überall seit Menschengedenken auf den Höfen unserer Bauern heimisch ist und sich durch äußerst wechselnde Farbe auszeichnet. Wir fanden Hähne und Hennen dieser Rasse, welche an Schönheit den schönsten Ausländern gleichkamen, wie das weißschwarze Silberlackhuhn, das Lakenfelder Huhn oder unsere Totleger. Welcher fremde Hahn könnte es mit einem deutschen im Krähen aufnehmen? Unser Hausprophet fühlt die geringste Veränderung der Luft, und er zeigt sie im melodischen Kikeriki an. Mit lautem Krähen verkündet er auch den anbrechenden Morgen und weckt den fleißigen Landmann zu neuer Arbeit. Kein Hahn kräht aber gewaltiger, als der bergische. Von Solingen war ein solcher Künstler mit kupiertem Kamm eingesandt, der als Bassist der Ausstellung allgemeine Bewunderung erregte und alles, was das Ausland zur Ausstellung geschickt hatte, niederschrie. Stolz die vollendete Majestät repräsentierend, größer als unser Landhahn, tritt uns der schöne Dorkinghahn entgegen. Der Kamm ist einfach, hoch und regelmäßig gezackt. Beim Hahn ist das Gefieder an Brust und Bauch, an den großen Flügeldeckfedern und dem Schwanz schwarz, das Schmuckgefieder ist weiß mit dunklen Fleckchen.

Silberne Medaille der Stadt Bielefeld für die Geflügelzüchter aus dem Jahre 1894; Vorderseite

Silberne Medaille der Stadt Bielefeld für die Geflügelzüchter aus dem Jahre 1894; Vorderseite

Wenn auch aus England eingeführt, ist diese Rasse doch bereits mit Erfolg bei uns eingeführt. Die Dorking legen große Eier, aber nicht viel, sie brüten wenig, sind aber vortrefflich zur Mast und kommen mit einem Gewicht von acht bis zwölf Pfund schwer auf den Londoner Markt.
Auch die Mode spielt bei der Hühnerzucht eine Rolle, die großen noch vor zehn Jahren stark beliebten Cochinchina-Hühner, diese Elefanten in ihrer Art, waren nur schwach vertreten, sie sind ein überwundener Standpunkt wie die Crinoline, mit der sie etwa gleichzeitig aufkamen und fielen. Dagegen ist das Schleierhuhn, auch polnisches oder Paduaner Huhn genannt, jetzt recht beliebt. Das finden wir in den Tagen des Chignons und der hochgetürmten Haarfrisuren unserer Damen nur zu natürlich. Vielleicht liegt hier ein geheimer Zusammenhang vor, und wie der häßliche Chignon wird auch dieses Mode- und Zierhuhn wieder verschwinden. Es zeichnet sich durch den großen Federbusch aus und durch eine gewisse Dummheit und Weichlichkeit. Als Unterrasse dieser Schleierhühner sind die Brabanter Hühner in Gold- und Silberlack zu erwähnen, dann das Creve-Cceur-Huhn, über dessen Namen wir freilich im unklaren sind. Es stammt aus der Normandie und wird dort für den Pariser Markt gezüchtet. Neben der stattlichen Haube zeigt der Hahn dieser Spielart noch einige Überreste des Kammes, die wie ein paar feuerrote Brauen über den Augen stehen und ihm ein mephistoartiges Aussehen geben.
Wenn wir diese Rassen hier in Wort hervorheben, so soll damit nicht gesagt sein, daß andere ihnen nicht ebenbürtig seien, aber wir müssen uns auf eine Auswahl beschränken und lassen daher das belgische Huhn mit der prächtigen Untergattung La Fleche, das spanische Huhn mit der auffallenden Kammentwicklung und den nackten Wangen, die zierlichen und prachtvollen Bantams und Kampfbantams, die Strupphühner mit den gekräuselten Federn, die Wollhühner (Seidenhühner), die Haar- und Zwerghühner beiseite.

Cochin-Henne, um 1900

Cochin-Henne, um 1900

Zahlreich, ja zahllos wie die Spielarten der Hühner sind auch die Tauben. Die Zucht ist seit Jahrtausenden von vielen teils des Nutzens, teils der Liebhaberei wegen betrieben worden. Wir haben die Taubenausstellungen auch mehr aus der Sicht des Vergnügens betrachtet und dabei an die „Düweker“ oder „Taubenjokel“ von Altenburg, Erfurt, Nordhausen, Braunschweig, Magdeburg und Hamburg gedacht, wo die Taubenliebhaberei in hoher Blüte steht. In Bielefeld sahen wir das Mövchen oder den Kreuzer mit dem kurzen, zierlichen Schnäbelchen, der allerliebsten Haube auf dem Kopf und der harmonischen und schönen Farbenzeichnung. Es gehört zu den niedlichsten, überall beliebten Tauben.
Ungemein dankbar ist der Tümmler mit seinen Untergattungen, den Purzlern und Hochfliegern. Pfeilschnell erhebt er sich unter schallendem Flügelklatschen senkrecht in die Lüfte oder schießt in gerader Linie dahin, stürzt dann plötzlich, den Kopf hinten überwerfend und sich um sich selbst drehend, Purzelbäume schlagend, bis zur Erde herunter, jedoch ohne diese zu berühren, oder endlich schwingt er sich in weiten Spirallinien in die Lüfte, schwebt dann majestätisch und ruhig ohne alle Bewegung im Äther und läßt sich erst nach stundenlangem Fliegen herab. Das ist der edle Meister im Fliegen, der es mit dem Habicht aufnimmt.
Was die Perückentaube zu bedeuten hat, sagt schon der Name, ebenso die Trommeltaube, die mit Haube und glattköpfig vorkommt. Das Trommeln macht den Tieren gar keine Mühe, obgleich dabei der Körper in eine schüttelnde Bewegung gerät.

Bagdetten, türkische Tauben, Berbertauben, römische Tauben, Hühnertauben, Pfauentauben waren in reicher Auswahl ausgestellt. Sie alle zogen aber nicht die Aufmerksamkeit in dem Maße an sich wie die herrlichen, mit dem ersten Preise geschmückten Kropftauben von August Oertmann, Bielefeld, die durch das Aufblasen ihres Kropfes das abenteuerliche Ansehen gewinnen. Am stärksten blasen sie im Frühjahr, frühmorgens bei leerem Kröpf und mitunter so arg, daß der Kopf fast im Kröpf verschwindet. Manche von ihnen blasen sich auch während des Fliegens so auf, daß sie wie eine mit Flügeln versehene Kugel in der Luft zu schweben scheinen.
Und zum Abschluß sei noch eine Seltenheit der Ausstellung erwähnt, ein einst hochgefeiertes Tier, das vor den modernen Verkehrsmitteln die Segel streichen mußte wie die Postkutsche vor der Eisenbahn. Wir meinen die Brieftaube. Es war eine große Anzahl dieser Tiere ausgestellt, von denen das Paar bis zu 13 Thaler kostete.