Geflügelzucht in Bielefeld

Darstellung durch Frank Ludlow

Darstellung durch Frank Ludlow

In diesem Jahr wurde von den heute in Bielefeld existierenden Vereinen der Zweitälteste gegründet, und zwar der „Geflügelzuchtverein Brackwede von 1884“.

Der Brackweder Verein ist einer der wenigen Bielefelder Geflügelzuchtvereine, der seine gesamten Vereinsprotokolle über zwei Weltkriege und andere Erschwernisse während der Zeit erhalten konnte. Sie stellen für den Chronisten eine wichtige Quelle dar, besonders auch deshalb, weil sie bis zum Jahre 1907 die einzigen Bielefelder Vereins- und Verbandsprotokolle sind. Die Niederschriften sind erfreulicherweise so ausführlich gehalten, daß sie über Vereinstätigkeit, Ausstellungswesen, gesellschaftliche Aktivitäten und züchterische Arbeit ein gutes Bild abgeben. Man kann davon ausgehen, daß diese Brackweder Aufzeichnungen typisch für den genannten Zeitraum sind und damit stellvertretend für andere alte Vereine, ja wahrscheinlich sogar für das gesamte rassegeflügelzüchterische Leben einer größeren Region. Aus diesem Grunde gebührt den Aufzeichnungen auch eine entsprechende Würdigung und Berücksichtigung im Rahmen dieser Chronik.

Am 14.08.1884 riefen in Brackwede die Herren Decius, Hogrebe, Starckloff, Engelmann, Deterding, Schlink, Frormann, Kulbrock, Suhsiek, Kortstein und Aug….mann zur Gründung des „Vereins für Geflügelzucht zu Brackwede“ auf. Die Einladung erging wahrscheinlich an 34 Interessenten aus Brackwede, Ummein und Senne I die anschriftlich und meistens mit ihrer Berufsbezeichnung im Protokollbuch aufgeführt sind. Unter ihnen befanden sich 9 Landwirte (damals Colon genannt), 9 selbständige Handwerksmeister und Fabrikanten, 4 Lehrer, 3leitende Angestellte und ein Auktionator. Der Verein wurde daraufhin am 15.08.1884 im Lokal des Hermann Brandt im Brock gegründet. Die Satzung mit ihren 11 Paragraphen war vorher schon so gründlich ausgearbeitet worden, daß sie am Gründungstag mit geringfügigen Änderungen verabschiedet werden konnte. Im § l dieser Satzung sind die Ziele des Vereins wie folgt angegeben:
Zweck des Vereins ist die Geflügel- und Singvogelzucht zu fördern und zu heben, rationelle Zucht- und Mästungsverfahren zu verbreiten, vorteilhafte Bezugs- und Absatzquellen nachzuweisen und aufzusuchen.“
Neben der Geflügelzucht wurde im Brackweder Verein wie auch in Bielefeld die Singvogelzucht betrieben. Wenn auch eine auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtete Geflügelzucht das Hauptanliegen in den Versammlungen war, so verlor der Verein die Singvogelzucht und -pflege jedoch nicht aus den Augen. In den ersten Jahrzehnten wurden immer wieder belehrende Vorträge über Singvögel gehalten, Nistkästen vom Verein aus aufgehängt, eine Petition zur Einschränkung des Singvogelfanges unterzeichnet und Singvögel auf den Lokalausstellungen gezeigt.

Darstellung durch Frank Ludlow

Darstellung durch Frank Ludlow

Den ersten Vorstand des Brackweder Vereins bildeten folgende Herren: l. Vorsitzender Rektor Decius, 2. Vorsitzender Inspektor Deterding, 1. Schriftführer Ingenieur Starckloff, 2. Schriftführer Lehrer Huly, Schatzmeister Direktor Jürging, Beisitzer Gutsbesitzer Kulbrock, Gerbermeister Schlink und Lehrer Wevelmeyer. Der Jahresbeitrag betrug 2,- Mark. Zum Vergleich erhielt man in der Zeit für einen Ehrenpreis mindestens 10,- Mark. Dieser Verein erhielt in den Folgejahren ständig Zulauf, insbesondere auch aus den Ortschaften Brackwede, Senne L Gadderbaum, Bielefeld, Brock, Quelle, Friedrichsdorf, Sandhagen, Steinhagen, Spiegelsberge, Kupferhammer, Blankenhagen und Avenwedde. Der Teutoburger Wald war räumlich gesehen die natürliche Grenze zwischen den Einflußbereichen des Brackweder und des Bielefelder Vereins.
Brackwede war zum Nachbarverein Gütersloh hin orientiert und schloß sich bereits 1884 dem gleichen regionalen „Verband der Vereine für Geflügelzucht und Singvogelzucht in Minden-Ravensberg“ an.
Im Jahre 1886 entschloß man sich in Brackwede zur Mitgliedschaft im „Westfälischen Provinzialverband für Geflügelzucht“ der soeben gegründet worden war und bis 1896 unter Leitung von Dr. Blancke, Herford stand. Heute würden wir diesen Verband als „Landesverband“ bezeichnen.

unten, von links: Eistauben, sibirische Taube, dahinter Feldtauben; ganz rechts: Uraltaube; oben: geschuppte Tauben, Felsentaube. Zeichnung nach W. Hoffmann, 1896, Archiv Detering

unten, von links: Eistauben, sibirische Taube, dahinter Feldtauben; ganz rechts: Uraltaube; oben: geschuppte Tauben, Felsentaube. Zeichnung nach W. Hoffmann, 1896, Archiv Detering

Anfang 1888 zählte der Verein 105 Mitglieder. Unter diesen befand sich auch der Fabrikant Rudolf Schlichte, Steinhagen, der später zu den Mitbegründern des Brocker und des Steinhagener Vereins gehörte und lange Jahre Unterverbandsvorsitzender war. Er stiftete der Versammlung einen Stamm Hühner der Rasse Lakenfelder, eine Rasse, die im nördlichen Westfalen gezüchtet wurde und im Bielefelder Raum eine lange Tradition hat. Leider gehört diese Rasse heute zu den bedrohten Haustierrassen, findet aber wieder mehr und mehr Liebhaber auch in Bielefeld.
Eine im Jahre 1890 gegründete Brieftaubenabteilung blieb jedoch in den Anfängen stecken und wurde wieder aufgelöst. Im Brackweder Verein waren auch etliche Kaninchenzüchter Mitglied, die ihre Tiere auf Lokalausstellungen ebenfalls zeigten. Um diesen Zuchtzweig weiter zu aktivieren, beschloß man am 19.07.1903 eine Namensänderung in „Brackweder Geflügel- und Kaninchenverein“. Doch die Kaninchenzucht hatte sich nicht bewährt, denn Anfang 1906 wurde dieser Zweig wieder aufgegeben und man versuchte es erneut mit der Brieftaubenzucht, die man dem Geflügelzuchtverein angliederte. In welcher Form diese Angliederung geschah, ist leider ungewiß.
Unter der Leitung des langjährigen Vorsitzenden Hubert Wäschenbach gründeten die Mitglieder des Brackweder Vereins eine Gemeinschaftszuchtanlage, die in Bielefeld seines gleichen sucht.
Der Geflügelzuchtverein Brackwede von 1884 hat heute 52 Mitglieder.